Einstieg in Andalusiens Unterwelt

Wenn man genau hinsieht, ist vielerorts der Untergrund in Andalusiens Bergwelt löcherig wie ein Schweizer Käse. Das ruft nicht nur Höhlenkletterer auf den Plan. Einige besonders eindrucksvolle Höhlen wurden bereits dem breiten Publikum zugänglich gemacht.

Höhlen Andalusien
Die Höhle von Nerja
Foto: DW

Mein unvergessliches erstes andalusisches Höhlenerlebnis

Fährt man im südwestlichen Winkel der Provinz Málaga auf der A377 von Manilva nach Casares, dann übersieht man rechts leicht das Kalksteingebirge Karst de la Utrera. Denn seine Stirnseite ist durch eine große Kiesgrube arg verunstaltet. Hinter diesem staubigen Industriekomplex verbirgt sich jedoch eine verwunschene Welt bizarrer Kalksteinformationen, die ein wenig an den Brice Cañon im Westen der USA erinnern.

Als Mitglied der Sektion Estepona des andalusischen Wanderverbandes FAM wurde ich eines Tages eingeladen, eine Wandergruppe der Sektion zu einer Höhlenwanderung in dieser Gegend zu begleiten. Mein Spanisch ist nicht besonders gut und so verstand ich zwar cueva = Höhle und limpiar = reinigen, der Zusammenhang blieb mir jedoch verborgen. Wir wanderten also auf einem steinigen Pfad hinauf in Richtung eines der Gipfel im Karst de la Utrera und hielten vor einem Busch, hinter dem sich der schmale Eingang zu einer vermutlich winzigen Höhle verbarg. Mir wurden ein Helm und eine Stirnlampe übergestülpt. Dann verschwanden meine Kameraden in dem engen Spalt und ich musste notgedrungen folgen. Ein schmutziger, ca. vier Meter langer Strick mit einem stark ausgefransten Ende baumelte an der Decke. An diesem sollte ich mich festklammern und dabei die senkrechte Wand hinunter gehen, mitten in die Dunkelheit hinein, die Füße im 90 Grad Winkel fest gegen die Wand gestemmt. Als ich das untere Ende des Stricks zu fassen bekam, war noch ein guter Meter Wand zum Boden übrig, auf den ich mich rückwärts springend fallen lassen musste. Ich versuchte den Gedanken auszublenden, wie ich auf diesem Wege wieder ans Tageslicht gelangen sollte.

Die Höhle war wider Erwarten sehr groß, so dass ich einige Zeit brauchte, um meine Kameraden anhand ihrer Stirnfunseln zu erkennen. Unverständlicherweise war der Boden dieser verborgenen Höhle übersäht mit Unrat aller Art, den wir in die mitgebrachten Plastiksäcke stopften.

Als wir schließlich den Rückzug antraten, musste ich mit einem kleinen Sprung das ausgefranste untere Ende des Stricks erhaschen, mich daran hoch ziehen und gleichzeitig die Füße gegen die fast senkrechte Wand stemmen. Ich spürte, wie bei dieser für mich ungewohnten Bewegung die Kräfte in meinen Armen zu erlahmen drohten. Ließe ich jetzt los, würde ich drei Meter rückwärts in die Tiefe stürzen. Diese beängstigende Erkenntnis verlieh mir Flügel, und mit letzter Kraft erreichte ich den Rand des Höhlenausgangs.

Die nächste Höhle befand sich noch weiter oben und war nur durch Klettern im Fels erreichbar. An einem glatten ca. fünf Meter hohen Felsen versuchte ich, mich hoch zu ziehen, indem ich blind in eine Querrinne griff, die sich ca. 30 cm über meinem Kopf befand. So konnte ich die Brombeerranke nicht erkennen, die sich über die ganze Breite der Rinne erstreckte und griff herzhaft in diese hinein. Vor Schreck und wegen dem heftigen Schmerz in meinen Fingern muss ich den Felsen wohl kurz losgelassen haben. Gleichzeitig hatte sich auch meine linke Oberlippe in den Dornen verhakt, so dass mein Körper für den Bruchteil einer Sekunde nur an der Oberlippe hing. Beim Abrutschen sah ich, wie die Haut meiner Oberlippe wie eine Gitarrensaite an meinem rechten Auge vorbei sauste und wieder in ihre Ausgangslage zurück schnellte, sobald meine Füße wieder festen Tritt gefasst hatten. Die Lippe hat nicht mal geblutet. Nun weiß ich wenigstens, wie elastisch meine Gesichtshaut ist. Als wir schließlich den Eingang der Höhle erreichten, war dort eine Seilwinde eingelassen, an der man sich durch einen senkrechten Schacht in dieses noch viel größere unterirdische Loch abseilen konnte.

Zum Ausklang diesen aufregenden Tages besuchten wir das römische Bad von Hedionda, welches am unteren Ausgang des Cañon de la Utrera liegt, und suhlten uns dort in der stinkenden Schwefelbrühe. Der größte Teil des Beckens befindet sich unter einer dicken gemauerten Decke. Zwischen der Decke und dem Wasserspiegel beträgt die Kopffreiheit nur 50 cm. Das spärliche Licht, welches durch den schmalen Schlitz zum Außenbecken dringt, hüllt alles in ein tristes Dämmerlicht. So müssen sich die Menschen in den Kabinen unter Deck der Titanic gefühlt haben, eine Viertelstunde ehe das Leben in den ansteigenden Wassermassen verlosch.

Ich habe nach diesen eindrucksvollen Erlebnissen für mich beschlossen, dass das Höhlenklettern nicht zu meinen bevorzugten Freizeitbeschäftigungen gehören wird.

"Offizielle" Höhlen in Andalusien

Neben den zahlreichen Höhlen, die wie im Karst de la Utrera, nur Eingeweihte kennen, gibt es einige große Höhlen, die gut erforscht sind. Nur einige davon sind für Touristen zugänglich:

Das Höhlensystem Gato - Hundidero

Fährt man im äußersten Nordwesten der Manilvaben auf der MA7401 von Ronda nach Benaoján, dann sieht man unterwegs auf der rechten Seite am anderen Ufer des Río Guadiaro den großen Schlund der Höhle von Gato, zu Deutsch: Katzenhöhle. Bei dem Anblick geht mir immer dieser Gedanke durch den Kopf: Wer die Höhle dort verlässt, stürzt unweigerlich kopfüber senkrecht in den Fluss. Von Menschen, die dort waren, hört man allerdings, dass sich unter dem Höhlenausgang noch ein natürliches Wasserbecken befindet, dessen kristallklares Wasser im Sommer sehr erfrischend sein soll.

Bald darauf überquert die Straße in einer scharfen Rechtskurve den Fluss und die Bahngleise der Strecke Algeciras-Ronda und strebt auf der anderen Seite bergauf - nun als MA8402, vorbei an Benaoján, dem Bergdorf Montejaque zu. Von dort geht es auf der MA8403 in Richtung Sevilla. Rechts passiert man den 870 m hohen Aussichtsberg Mures und erreicht gleich darauf auf der linken Seite eine bizarre Felsenlandschaft. Mehrere ausgefranste Steinkegel stehen wie hellgraue Mensch Ärgere Dich Figuren auf einer flachen Wiese. Zwischen zwei der Kegel sieht man deutlich eine Staumauer.

Hundidero-GatoFoto: Wolfgang Zöllner

Am Ende dieses seltsamen Ensembles kann man links neben einer Tafel parken, auf der das Höhlensystem Hundidero-Gato erklärt wird. Die Tafel zeigt, dass sich unter dem Berg Mures eine spektakuläre unterirdische Passage befindet, welche eine Höhle namens Hundidero mit der 7,8 km entfernten Höhle von Gato verbindet, die sich, wie bereits berichtet, über dem Ufer des Río Guadiaro öffnet. Diese Passage mit einem Höhenunterschied von 209 Metern kann nur von erfahrenen Höhlenkletterern in Neopren-Anzügen begangen werden, denn zeitweise fließt der Río Campobuches ohne Vorwarnung durch das Höhlensystem hindurch.

Von der Tafel geht man zunächst auf den Staudamm zu. Tief unten sieht man wieder die besagte Wiese, aber kein Wasser. Warum also der Staudamm? Die folgende Geschichte wird dir vielleicht spanisch vorkommen, ist aber wahr:

Um 1920 wurden Schweizer Ingenieure von der spanischen Elektrizitätsgesellschaft Presa de los Caballeros beauftragt, hier einen Staudamm zu errichten, um zur Stromgewinnung den Bach Río Campobuches aufzustauen. Die Ingenieure verrichteten ihre Aufgabe akkurat, die Auftraggeber aber hatten nicht bedacht, dass der Fluss nur sehr unregelmäßig Wasser führt. Wenn er es mal tut, versickert das Wasser in der unterhalb des Staudamms befindlichen Hundidero Höhle und setzt das ganze Höhlensystem unter Wasser, statt sich hinter der Mauer zu stauen. Somit musste das Projekt der Stromgewinnung aus einem Stausee begraben werden, der fertige Staudamm blieb als Denkmal stehen.

Hundidero StaudammHundidero Staudamm (Foto: Wolfgang Zöllner)

Vom Staudamm führt eine lange schmale Steintreppe in einen tiefen Trichter, an dessen unterem Ende sich der gewaltige Eingang der Hundidero Höhle auftut. Der Trichter wurde durch ein Erdbeben geschaffen, bei dem ein Drittel des benachbarten Steinkegels eingestürzt ist und eine Art natürliche Außenmauer geschaffen hat. Schauerlich hallt das Krächzen der Dohlen von den steilen Felswänden wider. Am Höhleneingang sollen Touristen nicht weiter gehen, können es aber noch ca. 50 Meter weit wagen. Eine erloschene Feuerstelle vermittelt eine Ahnung, wie Steinzeitmenschen dort früher gelebt haben.

Kletterer mit Erfahrung im Höhlenklettern können sich an eine der Adventure-Firmen in den umliegenden Ortschaften wenden und an einer geführten Tour durch das Höhlensystem teilnehmen.

Näheres siehe:

Cueva del Gato
Cueva del Hundidero

Die Pileta-Höhle

Fährt man bei Benaoján nicht geradeaus weiter nach Montejaque, sondern biegt scharf links ab in die MA8401, dann erreicht man nach 3,5 Kilometern rechts den Parkplatz der Pileta-Höhle (Höhle des Schwimmbeckens). Der Eingang der Höhle liegt ca. 50 Meter oberhalb des Parkplatzes und ist über einen Felsenpfad erreichbar.

Die lange Tropfsteinhöhle mit mehreren Sälen ist berühmt für ihre gut erhaltenen prähistorischen Wandmalereien, die 10.000 bis 35.000 Jahre alt sein sollen. Um die Fledermäuse möglichst wenig zu stören, trägt der Führer während des Rundgangs eine Carbidlampe vor sich her. Der Weg zwischen den Stalagmiten und Stalaktiten ist weitgehend Natur belassen und rutschig, so dass in dem schummrigen Licht Trittsicherheit erforderlich ist. Interessant sind neben den Felszeichnungen die langen, schlanken Stalaktiten, die traurige dunkle Töne erzeugen, wenn man mit der Faust dagegen klopft.

Näheres siehe:

Cueva de la Pileta

Die Höhle von Nerja

Ca. fünf Kilometer von der Stadt Nerja entfernt in der Nähe des Dorfes Maro fanden im Jahr 1959 spielende Kinder den Eingang zu einer großen Tropfsteinhöhle. Die 4.823 m lange Höhle hat drei Bereiche. Nur das vordere Viertel ist allgemein zugänglich. Die seit 1969 bekannten hinteren Teile der Höhle sind lediglich für Höhlenforscher zugänglich. Die Höhlen waren vermutlich zwischen 30.000 v. Chr. und 1.800 v. Chr. bewohnt. Nach dem Prado in Madrid und der Alhambra in Granada sind die Höhlen von Nerja die meistbesuchte Sehenswürdigkeit in Spanien. In einer der Höhlen befindet sich ein großer Konzertsaal, der in der Halle des Wasserfalls integriert ist. Hier finden klassische Tanz- und Musikfestspiele statt, die jeden Besucher schon wegen der ungewöhnlichen Kulisse total begeistern.

Hier findest du mehr Informationen zur Höhle von Nerja

Die Sankt-Michaels Höhle von Gibraltar

Gibraltar gehört zwar nicht politisch, sehr wohl aber geographisch zum spanischen Festland. Daher darf die große Tropfsteinhöhle St. Michael's Cave, die man im Rahmen der Rock around the Rock Tour besichtigen kann, in der Aufzählung der berühmtesten andalusischen Höhlen nicht fehlen, Das Höhlensystem liegt 300 Meter über dem Meeresspiegel. Jährlich besuchen 1 Million Touristen die Höhlen.

Diese Tour wird in Kleinbussen durchgeführt und kostet pro Person 25 britische Pfund. Außer der Höhle sieht man während der Tour die unterirdischen Gänge, welche die Engländer zur Verteidigung in den Felsen gesprengt haben, und die berühmten Affen, die einer Legende zufolge dafür sorgen, dass der Felsen nicht von Feinden eingenommen werden kann, solange die Affen dort sind.

1942 während des Zweiten Weltkriegs wurden Sprengungen durchgeführt, um eine bessere Be- und Entlüftung bei Luftangriffen zu erreichen. Die Höhle sollte als Notfallkrankenhaus verwendet werden, wozu es aber nie kam.
Während der Sprengungen wurde ein System aus weiteren, tiefer gelegenen Höhlen entdeckt. Diese sind nun als "Neue Höhlen von St. Michaels" bekannt. Die Lichtshow und die Dauerberieselung mit Musik sind Geschmackssache. Eine der Höhlen enthält einen kristallklaren See. Cathedral Cave, die größte Höhle, wird heute im Sommer mit 100 Sitzplätzen für Konzertveranstaltungen genutzt.

Die Höhle war schon Homer bekannt. Beschrieben wurde sie erstmals 45 n.Chr. von dem Römer Pomponius Mela. Ihren Namen erhielt die Höhle von einer ähnlichen Höhle in Monte Gargano, im römischen Apulien. Bereits im 8.Jh. wurde die Höhle von den Mauren unter General Tariq Ibn Ziyad militärisch genutzt.

Näheres zu dieser Höhle siehe:

St. Michael's Cave

Weitere öffentlich zugängliche Höhlen in Andalusien

In Andalusien gibt es noch weitere touristisch interessante Höhlen:

Wo Menschen in Höhlen wohnen

Höhlen dienten nicht nur in der Steinzeit als Behausung. In Guadix, einer Stadt 45 km östlich von Granada, nutzen heute noch Menschen das ausgeglichene Klima unter der Erde und wohnen in einer der vielen Höhlen, die es in dieser Stadt gibt. Allerdings sind das keine Löcher mit Fledermäusen und rußigen Feuerstellen, sondern gemütlich und nach dem heutigen Stand der Technik eingerichtete Behausungen. Gegen einen kleinen Obolus gestatten einige Bewohner dem Touristen, sich das Innere anzusehen. Im Hotel Cuevas Pedro Antonio de Alarcón sowie in einer Reihe von Pensionen kannst du sogar in solchen Höhlen-Appartements übernachten.

Von Wolfgang Zöllner - wandalus.de

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