Marmorschnee in Spanien – die Drehorte von »Doktor Schiwago«

Der russische Nobelpreisträger Boris Pasternak konnte 1958 seinen Literaturnobelpreis nicht selbst entgegennehmen, den er für den Roman »Doktor Schiwago« erhalten hatte. Dieses Epos des sowjetischen Bürgerkrieges war bis 1994 in Russland verboten. Denn es war die Zeit des Kalten Krieges. Folglich konnte auch der amerikanische Regisseur David Lean seinen epochalen Film nach der Vorlage von Pasternaks Roman nicht an Originalschauplätzen in der Sowjetunion drehen.

Da liegt es nahe, dass er das dann eben in Finnland oder in Kanada versucht hat? Weit gefehlt! Der Film entstand in Spanien, hauptsächlich im Niemandsland zwischen Madrid, Burgos und Saragossa. Bei 30 Grad im Schatten war dort eine Schnee- und Eislandschaft nur mit Hilfe von weißem Marmorstaub und Wachs aufgebaut. David Lean schuf so mitten in Francos faschistischem Spanien ein revolutionäres Russland mit Spaniern als Kosaken, welche die Internationale singen.

Der Film beginnt mit einer Szene, in welcher der 8-jährige Yuri, gespielt von Omar Sharifs Sohn Tarek, in einem russischen Dorf seine Mutter beerdigt. Im Hintergrund sieht man die Höhenzüge des Uralgebirges. In der Film-Wirklichkeit befindet sich Tarek jedoch in dem spanischen Weiler Marquesado de Zenete, der zum Dorf La Calahorra unweit der Stadt Guadix in der Provinz Granada gehört. Im Hintergrund sieht der Zuschauer die Sierra Nevada.

Als Yuri mit seiner späteren Geliebten Lara Antipowa eine gute Zeit in einem Militärhospital an der russischen Front im 1. Weltkrieg verbringt, befindet sich sein Darsteller Omar Sharif mit Julie Christie im Niemandsland zwischen den Dörfern Gómara und Olvega in der nordspanischen Provinz Soria, mit dem Moncayo Gebirge im Hintergrund. Nicht weit davon, im Dorf Candilichera, wird der eigentlich benötigte zugefrorene See durch Marmorstaub und Gips ersetzt, damit darauf eine Schlacht zwischen Weißgardisten und Rotarmisten nachgestellt werden kann. Die Bauern von Candilichera bekommen den Gegenwert von zwei Weizenernten bezahlt, damit in ihren Weizenfeldern die blutjungen Kadetten der Weißgardisten von den Maschinengewehren der Rotgardisten niedergemäht werden können. Die Felder dienen auch für alle Szenen in der einsamen Gegend um das Ferienhaus in Walikino. Heute sieht es dort noch genauso aus wie zur Zeit der Filmaufnahmen, mit der Ausnahme einer Stromleitung und einiger Sonnenblumenfelder.

Westlich befindet sich der Stausee Cuerda del Porzo. Dort fährt Yuri mit seiner Ehefrau Tonya, gespielt von Geraldine Chaplin, und seinem Schwiegervater zum ersten Mal in das Ferienhaus der Familie in Walikino. Sie betrachten in der Ferne den Rauch über dem Dorf Yuratino, am Rande des Moncaya Gebirges, das dieses Mal den Ural darstellt. Zwischen dem spanischen Dorf Abejar und dem Stausee reitet die bolschewistische Kavallerie durch die Pinienwälder. Sobald die Landschaft in der Totalen gezeigt wird, liegt da erstaunlicherweise echter Schnee und besteht der Wald aus Tannen statt Pinien. Diese Szenen wurden dann doch in Finnland gedreht.

Durch den Ural fahren sie mit der Transsibirischen Eisenbahn auf der Eisenbahnstrecke von Madrid nach Soria. Der Zug hält zuerst in Tardelcuende, dem sibirischen Dorf Mink, das der rote General Strelnikow hat niederbrennen lassen, dann im Bahnhof von Matamala de Almazán. Im Film ist das der Bahnhof von Yuratino, von wo aus es mit dem Pferdeschlitten des Kutschers Petya nach Walikino geht.

In der Provinzhauptstadt Soria hat die Filmcrew alle Hotels besetzt. Das örtliche Lehrerfortbildungsinstitut dient als Büro der Filmcrew. Noch heute gibt es in Soria ein Lara Kino als Erinnerung an Julie Christie.

Die Moskauer Szenen werden in Madrid gedreht, dessen Stadtmitte auch heute noch an den Zuckerbäckerstil der russischen Kommunisten erinnert. An der Plaza Delicias in der Nähe des Atocha Bahnhofs befindet sich das Eisenbahnmuseum Delicias, welches im Film den Moskauer Bahnhof darstellt, an dem Omar Sharif erstmals auf Geraldine Chaplin trifft, welche die Tonya spielt, die ganz in Pink gekleidet mit dem Zug einfährt. Die Straßen von Moskau und die Moskauer Straßenbahn werden im Stadtteil Canillas im Nordosten von Madrid detailgetreu nachgebildet.

Am Madrider Palacio del Capricho im Stadtteil Barajas, der dem Herzog von Osuna gehört, treffen sich Yewgraf und Lara, pardon – Alec Guiness und Julie Christie – in der Beerdigungsszene für Yuri zum letzten Mal. Der Parkeingang zum Schloss wird genutzt für die Szene, in der sich Rod Steiger, der den Viktor Komorowski spielt, mit der ihm verfallenen Julie Christie heimlich zu einem Schäferstündchen trifft.

Am Fluss Duero, der die Grenze zwischen Portugal und Spanien bildet, hat Franco den großen Aldeadávila Staudamm errichten lassen. Er dient im Film als Beweis sowjetischer Ingenieurkunst, wo Alec Guiness seine Kollegin Rita Tushingham über Lara ausfragt, welche die Tochter von Lara und Yuri spielt.

Diesen Sommer werden die spanischen Tourismuszentren überlaufen sein. Vielleicht ein guter Zeitpunkt, um auf den Spuren von Doktor Schiwago einige nicht so touristisch erschlossene Ecken Spaniens zu entdecken?

Ausschnitte aus dem Film gibt es auf Youtube. Eine Zusammenfassung der Filmhandlung findest du auf Wikipedia.

Den kompletten Film gibt es bei amazon zum Kaufen und Leihen. Das Buch in verschiedenen Formaten.

Verfasst am 7. Juni 2020
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