Antonio Muñoz Molina

Der bekannteste und am meisten gelesene andalusische Gegenwarts-Autor ist zweifellos Antonio Muñoz Molina. Allerdings ist er in Deutschland wenig bekannt. Das ist schade, denn Molina hat in seinen zahlreichen Werken etwas mitzuteilen und benutzt dazu eine facettenreiche Sprache. Seine Romane fesseln den Leser ähnlich wie die Romane des in Deutschland sehr beliebten katalanischen Schriftstellers Carlos Ruiz Zafón.

Antonio Muñoz Molina
Antonio Muñoz Molina bei einer Lesung in Köln 2011

Biografie eines Wanderers zwischen zwei Kontinenten

Antonio Muñoz Molina wurde am 10. Januar 1956 in Úbeda in der andalusischen Provinz Jaén auf dem Dachboden des von seinen Eltern gemieteten Hauses geboren. Sein Vater war bei der Geburt 27, die Mutter 25 Jahre alt. Der Vater arbeitete in einem Obstgarten und verkaufte Gemüse in einem Supermarkt. Wegen des Spanischen Bürgerkrieges hatten die Eltern die Schule verlassen müssen um zuhause zu helfen. Der Vater trat in die republikanische Armee ein. Die Mutter erzog neben dem kleinen Antonio auch noch ihre jüngeren Brüder. Ihre eigenen Defizite im Lesen und Schreiben korrigierten die Eltern später in der Volkshochschule.

Antonio lernte in einer spanischen Grundschule, die von Jesuiten geleitet wurde, Lesen und Schreiben auf Schiefertafeln, die zerbrachen, wenn man mit der Kreide zu fest aufdrückte. Während es üblich war, dass die Kinder mit 12 Jahren die Schule verließen um zu arbeiten, überredete Luis Molina, Antonios Lieblingslehrer, Antonios Vater, ihm den weiteren Schulbesuch am Gymnasium der Salesianer in Úbeda zu erlauben. Während anderswo an den höheren Schulen die Kinder armer Eltern schlechter behandelt wurden als die Kinder wohlhabender Leute, fühlte Antonio sich bei den Salesianern auf Augenhöhe behandelt und gefördert.

1969 brachte ihm sein Vater ein Englisch-Wörterbuch aus Madrid mit. Damals lernte man an den spanischen Schulen Latein und Französisch. Englisch war für Antonio die Sprache der fremden Blondinen, die in Miniröcken oder Shorts, mit Sonnenbrillen im Gesicht und Kameras über der Schulter durch Úbeda schlenderten. Im gleichen Jahr faszinierte ihn die Landung von Apollo 11 auf dem Mond, die er später in seinem Roman Mondwind verarbeitet hat. Der kleine Antonio hing viel am Radio um die Nachrichten aus aller Welt, aber vor allem die vielen neuen Musikstile in sich aufzusaugen. So verwundert es nicht, dass das Radio einen bedeutenden Platz im Hintergrund seiner späteren Romane einnimmt.

Mit zwölf Jahren begann Antonio Romane von Jules Verne, Mark Twain, Stevenson, Agatha Christie und Alexandre Dumas zu lesen. Jules Verne faszinierte ihn am meisten, weil Verne der erste Schriftsteller war, den er verstand, der nicht aus dem spanischen Teil der Welt stammte.

Mit 18 erfüllte er sich den Traum, in Madrid Journalismus zu studieren. Der Traum platzte schnell. Madrid wirkte auf den Jungen vom Lande feindselig, die Fakultät für Informationswissenschaften empfand er als „Betrug“ und er hatte nichts zu essen. Zum ersten Mal in seinem Leben nahm Antonio an einer Demonstration gegen die Verhaftung des katalanischen Anarchisten Salvador Puig Antich teil und fand sich nach zwanzig Minuten bereits in Handschellen in einem Gefängnis wieder. Nach dem ersten Semester verließ er Madrid und studierte in Granada Geographie und Geschichte. Dort waren die meisten seiner Kommilitonen heimlich Mitglieder in der Kommunistischen Partei. Antonio Muñoz Molina wollte auch mitmachen, aber wegen seiner Verhaftung in Madrid hatte er dazu keinen Mut. Heute bezeichnet Molina sich als einen Sozialdemokraten mit besonderem Respekt vor den demokratischen Grundrechten.

In Granada spezialisierte sich Molina auf Kunstgeschichte. In Úbeda heiratete er 1982 Marilena Vico. Nach Studium und Militärdienst arbeitete er sieben Jahre lang als Kulturbeauftragter der Stadt Granada. In dieser Funktion lernte er etliche internationale Künstler kennen. Zwei Kinder wurden in Granada geboren. Molina begann, Artikel im Diario de Granada zu schreiben und genoss die erste Erfahrung, dass etwas aufhört, dem Autor zu gehören, wenn es veröffentlicht ist und ein Echo von den Lesern zum Autor zurückkehrt. 1985 beendete er seinen ersten Roman Beatus Ille.

In kurzer Folge erschienen weitere Romane: Winter in Lissabon, Beitenebros, Elena.

1991 zerbrach seine Ehe und erschien sein bekanntester Roman Der polnische Reiter für den er den Planet Award“, die höchste spanische Literaturauszeichnung, erhielt. Mit 35 Jahren wurde er als jüngstes Mitglied in die Königliche Akademie für Sprache und Dichtung Real Academia Española aufgenommen.

1990 reiste Molina zum ersten Mal nach New York. Seither pendelt er zwischen Spanien und den USA. Um ein regelmäßiges Einkommen zu haben, schrieb er Artikel in bedeutenden spanischen Zeitungen wie ABC oder El Pais.

1992 zog er nach Madrid und lebte dort ein Jahr mit Elvira Lindo, einer spanischen Schriftstellerin und Journalistin und ihrem 6-jährigen Sohn Miguel. 1993 unterrichtete er an der University of Virginia und heiratete 1994 Elviria im Escorial bei Madrid. In den USA arbeitete er meist im New Yorker Büro von Elvira Lindo. 2004 wurde Molina zum Direktor des Instituto Cervantes in New York ernannt. Das ist ein weltweit agierendes spanisches Kultur- und Spracheninstitut, ähnlich dem Goethe-Institut für Deutschland. Elvira Lindo und Antonio Molina führen ständig ihr Büro auf dem Laptop mit sich zwischen New York und Madrid.

Antonio Molina hält Literatur nicht für das Wichtigste im Leben. Wichtiger ist ihm das Wohlergehen seiner Patchwork-Familie. Er glaubt, dass der moderne Schriftsteller der Erbe der alten Geschichtenerzähler ist, die ihre Berichte mündlich weitergaben. Literatur ist für Molina keine intellektuelle Raffinesse, sondern ein menschliches Grundbedürfnis, über die sichtbare und über die unsichtbare Wirklichkeit zu erzählen.

Das Werk von Antonio Muñoz Molina

Im Gegensatz zu den Romanen von Zafón sind die Romane von Molina nicht so flüssig in einem Rutsch zu lesen. Das liegt an den wuchtigen Bandwurmsätzen, die sich nicht selten über anderthalb Seiten erstrecken und vor allem dazu dienen, Gefühle und Stimmungen zu transportieren. Für Tatsachenschilderungen verwendet Molina hingegen durchaus Sätze normaler Länge. Vom Leser wird also höchste Konzentration verlangt, damit er am Ende des Satzes noch weiß, worum es am Anfang ging. Hinzu kommt, dass Molina ständig zwischen Vergangenheit und Gegenwart hin- und her springt, sodass angesichts der dauernd wechselnden Zeiten und Orte und der vielen beteiligten Personen schon mal der Überblick über die Handlung verloren geht. Diesem Verlorengehen wirkt Molina entgegen, indem er bestimmte Sachverhalte immer mal wieder in anderen Zusammenhängen wiederholt. Dem Übersetzer Willi Zurbrüggen, der die meisten Romane Molinas ins Deutsche übersetzt hat, gebührt hohe Anerkennung, dass er den Überblick nicht verloren hat und dass er auch den deutschen Leser in den Bann der Sprachgewalt Molinas zu ziehen weiß.

Hier ein Beispiel für einen Bandwurmsatz a la Molina aus dem Roman Der polnische Reiter:

„Im Zimmer, nahe dem Fenster, dessen Läden geschlossen werden, sobald das Licht angeknipst wird, verbleibt ein weißlicher Rückstand unklaren Ursprungs, der Gesichter und Hände und das weiße Linnen auf den Strickrahmen wie Flecken hervortreten lässt, den Glanz der Pupillen, in der Luft verloren, starr auf die Straße gerichtet, wo Schritte zu hören sind und ungewöhnlich deutlich zu verstehende Gesprächsfetzen, auf das beleuchtete Band des Radios gerichtet, auf dem die Zahlen und Namen der Sender stehen, der Städte und der fernen Länder, aus denen manche kommen, eine Hand dreht langsam am Suchknopf, und die Nadel bewegt sich über die Orte einer unerreichbaren Geografie, bis sie bei einer Musik stehen bleibt, die anfangs mit Pfeiftönen verwechselt wird, mit Stimmen einer fremden Sprache, dem Knistern von Papier, Musik einer Werbung, eines Schlagers oder eines Hörspiels, wie kommen denn bloß Leute in diesen kleinen Kasten, wie machen sie sich so klein, wo treten sie ein, durch die Ritzen, wie Ameisen, die Stimme eines Ansagers klingt feierlich, beinah bedrohlich, ‚Droschke Nummer dreizehn’, deklamiert er, ‚nach dem Roman von Xavier de Montepin’, und dann hört man im Zimmer das langsame Getrappel von Pferdehufen, das Knirschen von eisenbeschlagenen Rädern auf regengepeitschtem Kopfsteinpflaster im Winter eines fremden Landes, einer anderen Zeit und einer anderen Stadt, nicht nur Leute gehen da hinein, im Radio regnet es auch, und Pferde gibt es darin, Paris, sagt der Sprecher, aber ich höre seine Worte schon nicht mehr, die Entfernung löscht sie aus oder das Hufescharren der Tiere, die in den Ställen wiehern, sie entfernen sich von mir, als hätte ich den Sender verloren und drehte noch immer vergeblich suchend an dem Knopf, starrte in das rätselhafte Licht, das aus dem Apparat dringt, ein Lichtstreif, wie er im Innern eines versperrten Hauses unter einer Tür durchdringt, eines Hauses, in dem nur Stimmen wohnen, alle unmöglichen Stimmen dieser Welt, das Licht hinter einem Fenster in der Casa de las Torres, in dem einsam und verrückt geworden die Wächterin lebte, die einmal die unversehrte Mumie einer jungen Frau gefunden hatte, die meinem Großvater Manuel zufolge von einem Maurenkönig gefangen und eingemauert worden war.“

Molinas Stärke liegt in der genauen Beobachtung seiner Figuren und der detaillierten Ausmalung der einzelnen Szenen, so dass der Leser das Gefühl hat, er sei selbst Teilnehmer der Szene.

Hauptmotiv vieler Romane von Molina ist die komplizierte Liebe zwischen zwei Menschen aus Spanien und den USA, die sich meist durch einen Zufall kennen lernen. Diese verzehrende Liebe wird oft gegen irgendeinen geschichtlichen Hintergrund gespiegelt, welchen die Protagonisten getrennt voneinander erlebt haben. Molina ist aber nicht nur ein Romanzen-Schriftsteller. Er hat auch packende Krimis geschrieben und sogar den Roman Mondwind, in dem es um die Mission von Apollo 11 auf dem Mond geht – aus der Sicht eines kleinen Jungen.

Schön, wenn einer wie Antonio Muñoz Molina die Gabe hat, seine Leser an seinem eigenen Leben in zahlreichen Romanen teilnehmen zu lassen.

Hier die wichtigsten Romane Molinas, die in Deutsch vorliegen:

Von Wolfgang Zöllner

Foto: Hpschaefer www.reserv-art.de(CC BY-SA 3.0)

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