Wachstum mit Nebenwirkungen: Spaniens schwieriger Weg aus der Rezession

Spaniens Wirtschaft Rezession
Wie geht es mit der spanischen Wirtschaft weiter? ( esfera / Shutterstock.com )

Vor etwa zehn Jahren begann in Spanien eine schwere wirtschaftliche Rezession. Die mediale Aufmerksamkeit für die Lage in Spanien wurde erst von der europäischen Flüchtlingskrise, später von der Populismus-Debatte verdrängt – bis zum politischen Krisenmoment Ende letztens Jahres. Mit der Streitfrage um die Unabhängigkeit Kataloniens kam auch die Frage nach der wirtschaftlichen Lage Spaniens wieder auf. Und tatsächlich: Auf dem Papier hat sich seit 2008 einiges verbessert. Doch der scheinbare wirtschaftliche Aufschwung ist, wie man sich schon denken kann, mit Vorsicht zu genießen.

Die Zahlen allein könnten positiv stimmen: Die Arbeitslosenquote Spaniens, die das nationale Institut für Statistik INE ermittelt, sank im ersten Trimester 2018 auf knapp 17 %. Im Vergleich zu den 26 % Arbeitslosen, die Spanien im schlimmsten Moment der Krise im Jahr 2018 hatte, ist das natürlich ein großer Fortschritt. Auch die Quote der arbeitslosen Jugendlichen hat sich verbessert, sie sank von unglaublichen 50 % im Jahr 2013 auf 36 % zum Zeitpunkt der letzten Umfrage. Wenn man diese Statistik jedoch im europäischen Kontext betrachtet, bleiben die Zahlen erschreckend: In einer europäischen Vergleichstabelle belegt Spanien den vorletzten Platz. Nur Griechenland steht mit einer Arbeitslosenquote von 20 % noch schlechter da.

Und noch etwas ist an diesen Zahlen problematisch: Sie kaschieren die Auswirkungen, die die Arbeitsmarktreformen der spanischen Regierung auf die Qualität der Arbeitsbedingungen hat. In der Politik ist es ein beliebtes Mittel, die Arbeitsmarktstatistiken mit erweiterten Begriffen aufzupolieren. So ist es üblich, kurzfristig Beschäftigte oder unterbeschäftigte Arbeiter in der Arbeitslosenstatistik nicht zu berücksichtigen. Das ist in Spanien nicht anders. Die umfassenden Reformen, die die rechtlichen Rahmenbedingungen lockern und den Arbeitsmarkt aus der Krise befördern sollten, haben zu sehr prekären Arbeitsverhältnissen geführt. Mehr als ein Viertel aller Arbeitsverträge sind zeitlich befristet, bei neu abgeschlossenen Verträge sind sogar 90 Prozent der Verträge befristet.

Ein weiterer Aspekt ist die Bezahlung. Das Lohnniveau ist niedrig. Viele Arbeitnehmer sind für ihren Job überqualifiziert, da es für sie keine adäquaten Beschäftigungsmöglichkeiten gibt. Infolgedessen wandern viele gut ausgebildete junge Menschen aus, um im Ausland zu arbeiten. Bei gleichzeitiger Einschränkung der staatlichen Ausgaben für Forschung und Entwicklung, womit die Neuverschuldung Spaniens reduziert werden soll, werden das Bildungsniveau und der Innovationsindex langfristig absinken und es der Wirtschaft erschweren, sich vollständig von der Krise zu erholen.

In den letzten Jahren wurde das spanische Wachstum konstant mit über 3 % angegeben. Die Katalonien-Krise scheint einer der Hauptfaktoren zu sein, wegen derer sich die Prognosen für das aktuelle Jahr etwas abgeschwächt haben. Tausende Firmen verlegten ihren Standort in andere spanische Regionen und verunsicherten damit Anleger und Banker. Trotzdem: Mit starken 2,5 % liegt die Prognose für Spanien klar vor der für Deutschland. Doch woher stammt dieser Optimismus? Der einstige Wirtschaftsmotor Katalonien schwächelt. Als Rettungsanker kommt eigentlich nur der Tourismus infrage. Der hat sich nach einem kurzen Schockmoment Ende letzten Jahres erholt und wird zusätzlich von einer starken Weltkonjunktur angekurbelt. Die Welt des Internets erhöht dabei die Erfolgschancen für den spanischen Tourismussektor. Websites mit branchenspezifischer Domainendung für Hotel- und Gastronomiebetriebe steigern weltweit die Sichtbarkeit von lokalen Anbietern und erhöhen die Chance, auch wieder mehr Touristen in die umstrittene Region Katalonien zu ziehen.

Wie aussagekräftig sind also die Zahlen zum spanischen Wachstum? Trotz aller positiven Aussichten sollte die prekäre Situation auf dem Arbeitsmarkt bei den Prognosen berücksichtigt werden, da sie die Chance auf ein solides und stabiles Wachstum langfristig schmälert. Hinzu kommt, dass sich die Mehrheit der spanischen Bürger nicht nur von den Banken und der Politik, sondern generell von ihrem Heimatland verraten fühlt. Ihr Vertrauen zurückzugewinnen, dürfte ein komplizierter und langwieriger Prozess werden.

Verfasst am 12. Juni 2018
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