El Cid – Spaniens Nationalheld

Für Deutschland kann man nicht wirklich einen Nationalhelden benennen. Andere Länder haben einen: Für Frankreich ist es Jeanne d’Arc, für die Schweiz Wilhelm Tell, für Südafrika Nelson Mandela, für Indien Mahatma Gandhi, für Korea Admiral Yi Sun-sin, für Großbritannien Admiral Lord Nelson. Spaniens Nationalheld heißt El Cid, ein Ritter aus dem Mittelalter.

El Cid
Statue von El Cid in Burgos
© herraez - Fotolia.com

Die Wahrheit über El Cid, soweit sie bekannt ist

El Cid gilt als Symbol für die Einheit Spaniens, für den Sieg der Christenheit über den Islam auf der Iberischen Halbinsel, für selbstlose kriegerische Tapferkeit. War er das wirklich oder ist El Cid nur ein Mythos?

Er ist dir vielleicht schon mal begegnet, nämlich in dem 1961 gedrehten amerikanischen Monumentalfilm „El Cid“ mit Charlton Heston und Sophia Loren in den Hauptrollen. Der Film verbindet eindrucksvoll Legenden und gesicherte Fakten über den Ritter El Cid.

El Cid wird ungefähr im Jahr 1043 als Rodrigo Diaz de Vivar im Dorf Vivar in der Nähe der Stadt Burgos in Kastilien geboren. Sein Vater Diego Lainez, ein niedriger Adeliger, ist allerdings mit Teresa Rodriguez, einer Frau aus der Hoch-Aristokratie verheiratet, was Rodrigo ermöglicht, nach dem Tod seines Vaters ca. 1058 am Hof des Königs Fernando I in die Dienste von Sancho zu treten, des ältesten Sohnes des Königs.

Als König Fernando stirbt, erbt dessen jüngster Sohn Garcia Galicien, sein mittlerer Sohn als Alfonso VI den Reichsteil Leon und sein ältester Sohn wird als Sancho II König von Kastilien. König Sancho ernennt den 22-jährigen Rodrigo Diaz zu seinem Fahnenträger. Rodrigo erhält den Ehrennamen El Campeador (der Zweikämpfer). Da sich Rodrigo bis dahin nicht in Kriegen als besonderer Kämpfer hervorgetan hat, nimmt man an, dass er sich diese herausragende Position bei Ritterturnieren erarbeitet hatte.

1067 greift Sancho seine Brüder an, um ihnen Leon und Galicien wieder abzunehmen und Rodrigo unterstützt ihn dabei tatkräftig. Als der kinderlose Sancho bei der Belagerung von Zaragoza, das seiner Schwester Urraca gehört, ermordet wird, fällt der Königsthron von Kastilien an den gesetzlichen Erben, nämlich an König Alfonso VI von Leon. Der neue König hat begreiflicherweise kein Interesse, seinen Feind Rodrigo Diaz als Fahnenträger zu übernehmen und ernennt Graf Garcia Ordoñez zum neuen Fahnenträger. Rodrigo steht nun immer im Verdacht, er würde diejenigen Kastilier anführen, die damit unzufrieden sind, dass jetzt ein König von Leon über sie herrscht. Rodrigo Diaz darf jedoch am Königshof bleiben und heiratet sogar im Jahr 1072 Jimena, eine angebliche Nichte des Königs und Tochter des Grafen von Oviedo. Das Paar bekommt einen Sohn und zwei Töchter.

Entgegen späterer Geschichtsklitterung gibt es zu den Zeiten von Alfonso VI noch keine Reconquista. Auf spanischem Boden bekämpfen sich christliche Königreiche genauso untereinander wie einige muslimische Königreiche, die so genannten Taifas. So fällt z.B. Zaragoza, das Alfonso nicht einnehmen konnte, an einen muslimischen Fürsten. Im Jahre 1079 hilft Rodrigo Diaz dem maurischen König von Sevilla dabei, Sevilla gegen eine Invasion des maurischen Königs von Granada zu verteidigen. In der Schlacht von Cabra besiegt Sevilla Granada. Dabei kommt es zu einer unglücklichen Begebenheit. Denn Garcia Ordoñez (du erinnerst dich: das ist der aktuelle Fahnenträger von König Alfonso VI), der auf Seiten Granadas kämpft, wird von Rodrigo Diaz (dem abgesetzten Fahnenträger) in demütigender Weise gefangen genommen. Als 1081 Rodrigo auf eigene Faust auch noch das maurische Königreich von Toledo angreift, das ein Vasall des Königs von Kastilien ist, ist das Fass aus Sicht von König Alfonso übergelaufen. Er verbannt Rodrigo Diaz aus Kastilien.

Daraufhin bietet Rodrigo seine militärischen Dienste Al Mu’tamin an, dem maurischen Fürsten von Zaragoza in Nordspanien. Rodrigo dient nun zehn Jahre lang dem Fürsten von Zaragoza und seinem Nachfolger. Rodrigo baut eine Söldnertruppe auf, die sich aus der Beute finanziert, die sie bei ihren kriegerischen Raubzügen macht. Es handelt sich also um eine frühe Art von Raubrittertum und man kann Rodrigo als frühen Warlord bezeichnen. Dabei besiegt Rodrigo unter anderem den maurischen Fürsten von Lerida und dessen christliche Verbündete, unter ihnen der Graf von Barcelona. Die Muslime sollen Rodrigo daraufhin den Ehrentitel El Cid verliehen haben. Das bedeutet „Mein Herr“. Im Jahr 1084 besiegt El Cid die Armee des christlichen Königs Ramiro Sanchez von Aragon und wird von den Muslimen reich dafür belohnt.

1086 fallen die muslimischen Almoraviden aus Marokko in Spanien ein und bekämpfen sowohl die muslimischen Taifas als auch die christlichen Königreiche. Die weltoffene muslimische Großstadt Córdoba fällt in die Hände der strenggläubigen Almoraviden. König Alfonso VI wird im Oktober 1086 von den Almoraviden unter Yusuf Ibn Taschfin in der Schlacht von Zallaqua geschlagen und bittet daraufhin El Cid, ihm gegen die Almoraviden beizustehen. El Cid erscheint 1087 tatsächlich am Hofe von König Alfonso, kehrt aber kurz darauf nach Zaragoza zurück. Alfonso VI muss sich ohne den Beistand des Cid gegen die Almoraviden verteidigen.

In dieser Zeit beginnt El Cid ein Ränkespiel, um sich das muslimische Königreich Valencia einzuverleiben. Im Mai 1090 besiegt der Cid den christlichen Grafen von Barcelona in der Schlacht von Teruel und beendet so den Einfluss Barcelonas auf Valencia. Al Qadir, der muslimische König von Valencia wird deshalb zunächst gegenüber El Cid Tribut pflichtig. Als Anhänger der Almoraviden innerhalb der Festung Valencia al Qadir ermorden, belagert El Cid Valencia drei Jahre lang und zieht 1094 als Sieger in die Festung ein. Offiziell verwaltet nun El Cid Valencia als oberster Richter und Herr (Señor) für König Alfonso VI, aber faktisch hat der König dort nichts zu sagen.

Zunächst ist El Cid gleich streng und gerecht zu den muslimischen und den christlichen Einwohnern Valencias. Er regiert die Stadt mit Hilfe jüdischer Beamten aus Valencia. 1096 wird auf Betreiben von König Alfonso die große Moschee in eine christliche Kathedrale umgewidmet und der Franzose Jérôme de Périgord aus dem Cluniazenser-Orden, der als christlicher Hardliner gilt, wird als Bischof eingesetzt. Jérome fördert den Zuzug von Christen nach Valencia. Ob El Cid diese Bestrebungen unterstützt hat, ist nicht bekannt.

Zeitgleich wird der Status des Cid zum „Prinzen“ aufgewertet, weil seine Töchter in einflussreiche Familien einheiraten. Christina heiratet einen Prinzen von Aragon, Maria den Grafen von Barcelona. El Cids einziger Sohn Diego Rodriguez hingegen fällt 1097 in einer Schlacht bei Toledo. Bis zum Tod des Cid wird Valencia immer wieder erfolglos von den Almoraviden belagert.

Die ganzen Mühen und Bestrebungen des Cid um Valencia sind allerdings vergeblich. Kurz nach dem Tod des Cid im Jahr 1099 nehmen die Almoraviden Valencia wieder ein. Im Jahr 1102 greift daher König Alfonso VI ein und brennt die Stadt nieder. Um seine christlichen Kernlande gegen die Almoraviden zu verteidigen, muss Alfonso Valencia jedoch erneut den Almoraviden überlassen, die dort bis 1238 herrschen. Der Leichnam des Cid wird von Alfonso VI nach San Pedro de Cardena bei Burgos überführt. Das dortige Grab wird schnell zu einem Ort der christlichen Heldenverehrung. Über die Begleitumstände seines Todes ist nichts bekannt. Vermutlich erlag der Cid im Bett einer Verwundung durch einen Pfeil.

Der Mythos des Cid

Die Überreste des Cid befinden sich heute in der Kathedrale von Burgos, der Hauptstadt von Kastilien. Die Spanier sind überzeugt, dass sein Geist immer noch allgegenwärtig ist. In der Provinz Alicante gibt es mittlerweile den Camio del Cid. Auf ihm kann man an 260 Stationen entlang wandern, die mit dem Cid etwas zu tun haben. Wie auf dem Pilgerweg nach Santiago de Campostela kann sich der Wanderer auf dem Camino del Cid einen Stempel in seinen Wanderpass stempeln lassen.

Das der Überlieferung zufolge vom Cid benutzte Schwert Tizona war lange im Armeemuseum in Madrid ausgestellt. Im Jahr 2007 wurde es von der Stadt Burgos erworben und wird heute zusammen mit anderen Reliquien, die einen Bezug zu dem Nationalhelden aufweisen, in der Kathedrale von Burgos ausgestellt.

Im 12. Jahrhundert kommt das epische Gedicht El Cantar de mio Cid auf, in dem der Cid erstmals namentlich erwähnt und zum Helden des Kreuzzugs gegen die Moslems stilisiert wird. Die mündliche Überlieferung soll im Jahr 1140 entstanden sein, die ein Pere Abat dann 1207 zu Papier gebracht hat, welches aber verschollen ist. Eine Abschrift namens Poema del Cid datiert aus dem Jahr 1235 oder 1309. Sie gehört zu den ältesten und wichtigsten literarischen Werken Spaniens und wird in der Spanischen Nationalbibliothek in Madrid aufbewahrt.

Nachdem Alfonso VI die drei Teilreiche Kastilien, Leon und Galicien wieder vereinigt hatte, soll gemäß der Legende El Cid im Namen der kastilischen Stände (Cortes) durchgesetzt haben, Alfonso müsse schwören, dass der König mit dem Tod seines Bruders Sancho nichts zu tun habe.

Auch um den Tod des Cid rankt sich eine Legende. Nachdem der Cid in der Schlacht vor den Toren Valencias durch einen Pfeil tödlich verwundet wurde, soll er angeordnet haben, dass sein Leichnam sorgfältig geschminkt in aufrechter Pose auf sein Pferd gebunden wird. So reitet er angeblich an der Spitze seines Heeres den Feinden entgegen, die voll Entsetzen fliehen, weil sie glauben, El Cid sei von den Toten auferstanden.

Da El Cid lange Zeit sowohl am christlichen Königshof in Kastilien als auch beim muslimischen Fürsten von Zaragoza gedient hat, verfügt er über intime Kenntnisse der Lebensweise, Ideologie und Politik beider Seiten. Sein Wissen setzt er zuweilen ein, um drohende militärische Konflikte durch Verhandlungen zu lösen. Diese Seite des Cid wird in der Mythologie deutlich überbewertet.

In der heraufziehenden Zeit der christlichen Kreuzzüge gegen den Islam, die vom Papst befeuert wird, erobert der Cid Valencia mit Hilfe „gemäßigter“ Muslime gegen die Hardliner der Almoraviden, um endlich in Spanien über eine eigene Machtbasis zu verfügen. Denn bis dahin hatte er ja immer nur die Kohlen für fremde Herrscher aus dem Feuer geholt. Daraus macht die Mythologie dann den furchtlosen Vorkämpfer der christlichen Kreuzritter gegen die Ungläubigen.

Der spanische Philologe und Historiker Ramón Menéndez Pidal trug 1929 mit seinem Standardwerk Das Spanien des Cid zur Überhöhung der Figur des Nationalhelden und der Vorstellung eines ritterlichen Helden ohne Furcht und Tadel bei. Demnach kämpfte El Cid nie für persönlichen Reichtum oder Ruhm, sondern um die Vergebung seines Königs und für seine Ehre. Offensichtlich hat das jedoch mit der historischen Wahrheit nicht allzu viel zu tun.

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