Semana Santa – wenn Männer bittere Tränen weinen

Die Semana Santa ist eine der wichtigsten andalusischen Traditionen. Wenn die jährlichen Osterprozessionen die Städte und Dörfer in Besitz nehmen, entsteht ein ganz besondere Atmosphäre. Dabei spielt der Wettergott jedes Jahr eine wichtige Rolle.

Karwoche Andalusien
Die Osterprozession in Córdoba
Matej Kastelic / Shutterstock.com

Die Karwoche in Andalusien

Wer kennt sie nicht, die vermummten Kapuzenmänner, die in der Karwoche das nächtliche Straßenbild in spanischen Städten beherrschen? Jedes Jahr zu Ostern rücken die “Hermandades”, die Bruderschaften, in Städten und Dörfern aus und erfüllen Straßen und Plätze mit feierlicher, getragener Emotion. Dass dies dem Uneingeweihten eher wie ein überkommenes, etwas düsteres Spektakel anmuten mag, ist nicht verwunderlich, denn die Osterprozessionen haben ihren Ursprung im Mittelalter und erinnern an den Kreuzweg Christi. Bis heute ist die Semana Santa ein Fest mit hohem Symbolcharakter, das Emotion pur zelebriert.

Ein Bad der Gefühle

Wenn am “Domingo de Ramos”, dem Palmsonntag, die ersten Nazarener gemessenen Schrittes zum Klang der Trommeln und Trompeten durch die Straßen ziehen, beginnt eine Woche überbordender Emotionen für Zuschauer und Akteure. Weihrauch erfüllt die Luft und der Straßenrand ist bis zum Bersten angefüllt mit Menschen, die dem Heiligenschrein so nahe wie möglich kommen wollen. Dutzende von Schultern tragen die oft tonnenschweren “Pasos” mit den Heiligenfiguren, die im Takt der wiegenden Schritte bedeutungsschwer vorüberschwanken. Spätestens wenn jemand spontan eine “Saeta”, einen flamencoähnlichen Gesang zu Ehren eines Heiligen anstimmt, ist der Kulminationspunkt der Gefühle erreicht. Der Zug hält inne, andächtiges Schweigen legt sich über die Menge und Tränen der Ergriffenheit kullern über stoppelige Männerwangen. Doch das ist keineswegs die einzige Gelegenheit, bei der das männliche Geschlecht Tränen vergießt.

Wenn nicht nur der Himmel weint

Hat der Wettergott einmal kein Einsehen und der Himmel öffnet kurz vor Beginn der Prozession seine Schleusen, brechen bei den Mitgliedern der Bruderschaft alle Dämme. Dann fällt die Prozession buchstäblich ins Wasser und Heilige wie Büßer müssen ein weiteres Jahr auf ihr Bad in der Menge warten. Die Kapuzenmänner sehen sich um große Emotionen betrogen und lassen ihrer Enttäuschung freien Lauf. Untröstlich wird hemmungslos geschluchzt, geweint und geklagt, denn nun sind all die Vorbereitungen für diesen einen großen Augenblick umsonst gewesen.

Überall gespannte Erwartung

Schon Wochen vor dem eigentlichen Ereignis herrscht hinter den Kulissen rege Betriebsamkeit. Da wird an Kutten genäht, bestickt und ausgebessert. Hinter Fenstern von Gemeindesälen scheppern Trompetenklänge und dröhnen Trommeln. In den Reinigungen stapeln sich vermehrt lila, dunkelrote und schwarze Gewänder und hinter verschlossenen Türen legt so manch dunkeläugige Señora schon mal probehalber den schwarzen Spitzenschleier, die “Mantilla” an, die traditionell zur Semana Santa getragen wird.

Alles fiebert auf den einen Moment hin, wenn wieder die Stunde der großen Emotionen gekommen sein wird. Man muss übrigens weder Andalusier noch religiös sein, um sich bei der Semana Santa eine Gänsehaut einzuhandeln...

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