Tourismus in Andalusien: Die Chinesen kommen

Tourismus Andalusien Chinesen
Chinesische Reisegruppe in Mijas an der Costa del Sol (Foto: Wolfgang Zöllner)

Mijas Pueblo ist ein typisches andalusisches „Weisses Dorf“. Es klebt halb hoch am Südhang der Sierra de Mijas und bietet einen grandiosen Ausblick auf die Mittelmeerküste mit den Städten Benalmádena und Fuengirola zu seinen Füßen. Der unbestreitbare Vorzug von Mijas liegt darin, dass es, anders als die meisten Pueblos Blancos, die weit entfernt in den Bergen des Hinterlandes zu finden sind, von Málaga mit dem Bus in einer halben Stunde erreichbar ist.

Da sieht man als Tourist auch gerne über die Tatsache hinweg, dass der ganze Ort praktisch ein großer Basar von Andenkenläden ist. Ja, jemand der noch ein typisch andalusisches Andenken für die Heimreise sucht, wird in Mijas Pueblo bestimmt fündig, allerdings zu Preisen, die um 20% über den üblichen Preisen liegen, die in Andenkenläden an der Küste verlangt werden.

Als wir uns dem zentralen Parkhaus von Mijas Pueblo nähern, fällt meiner Frau sofort ein Pulk von zwölf großen Reisebussen auf, die den ganzen Platz vor dem Parkhaus in Beschlag nehmen. In einer Nebenstraße entdecken wir noch acht weitere Busse. Nachdem wir mit dem Aufzug in den zehnten Stock gefahren und oben auf den großen Platz mit dem Park in der Mitte getreten sind, stehen wir wieder vor einer Reihe von Reisebussen. Davor befinden sich mehrere Gruppen Chinesen, die sich um die Statue eines Pferdes versammelt haben. Jeder darf mal aufsitzen und ein Selfie von sich machen lassen, wobei es zu den in Ostasien geübten Gepflogenheiten gehört, dabei die Finger der linken Hand zum V-Zeichen zu spreizen. Die chinesischen Gruppen bestehen zu zwei Dritteln aus Frauen und einem Drittel Männer. Es sind alle Altersklassen vertreten. Die jüngeren Frauen haben sich, wie in ganz Südostasien üblich, die langen Haare braun gefärbt.

Beim Aufstieg zum zentralen Platz des Dorfes passieren wir weitere Selfie produzierende chinesische Gruppen. Am zentralen Platz gibt es ein Cafe auf einer Terrasse in der ersten Etage, wo wir immer gerne einen Cappuccino zu uns nehmen. Hier oben hat man einen guten Blick über den ganzen Platz. Dort ziehen in einer ununterbrochenen Prozession Gruppen von 20 bis 30 Chinesen an uns vorbei, jeweils angeführt von einer Chinesin mit einer Fahne. Das Ganze wirkt ein wenig, als ob fremde Besatzungstruppen, allerdings friedlich, eine Parade durch das Dorf veranstalten. Die Chinesen betrachten durchaus interessiert die weißen Häuser am Straßenrand mit den Geranien in den blauen Blumentöpfen, die einen schönen Kontrast zu der weißen Wand bilden. Sie betrachten auch die Auslagen der Andenkenläden, aber keiner geht hinein und kauft etwas. Auch unser Kellner ist nicht begeistert, dass die Chinesen zwar die Tourismusstatistik Andalusiens schönen, aber keinen Appetit auf spanisches Essen oder Kaffee haben. Die chinesischen Gruppen verschwinden hinter einer Kurve, wo sie sich vor der Stierkampfarena versammeln um von ihrem Guide etwas auf Chinesisch über den Stierkampf zu hören und um weitere Selfies zu machen.

Dann werden die Chinesen wieder in ihren Bus verfrachtet, wo sie in ihrem Jetlag vor sich hindämmern und von der vorbeiziehenden Landschaft nichts mitbekommen. Abends werden sie sich dann auf ihrem Kreuzfahrtschiff in Málaga oder in einem Chinarestaurant in der Nähe ihres Vertragshotels versammeln und Chinesisch essen, oder das, was wir Europäer für chinesisches Essen halten. Zurück bleiben die spanischen Eselstreiber und Pferdekutscher in Mijas, die heute wieder kein Geschäft mit dieser neuen Touristen-Spezies gemacht haben.

In China reisen heutzutage 600 Millionen chinesische Binnentouristen im Lande herum. 60 Millionen können sich bereits einen Urlaub in umliegenden Gebieten wie Vietnam, der südkoreanischen Insel Jeju, der Insel Okinawa oder in Hawaii leisten. 6 Millionen Chinesen schaffen es sogar bis zum amerikanischen Festland oder nach Europa, Tendenz steigend. In Europa bieten sich dem chinesischen Pauschalreisenden zwei Varianten an:
- eine traditionelle Mittelmeerkreuzfahrt
- eine Busfahrt „See Europe in ten days“

Während europäische Touristen in China die Terrakotta-Armee oder die Verbotene Stadt besuchen oder auf der chinesischen Mauer herumkraxeln, besuchen Chinesen in Old Europe für sie exotische Sehenswürdigkeiten wie den Eiffelturm, Neuschwanstein, das Karl-Marx Haus in Trier oder eben Mijas Pueblo. Zuhause werden sie nicht mehr wissen, wo genau sie eigentlich waren. Aber ihre Selfies werden sie daran erinnern, dass sie zusammen mit Frau Ma und Herrn Lee eine gute Zeit in ihrer Gruppe verbracht haben und dass das chinesische Essen in Europa doch irgendwie sehr exotisch geschmeckt hat.

Auch als Investoren treten die Chinesen in Spanien immer mehr hervor. Obwohl sie keine EU-Bürger sind, können sie leicht die spanische Staatsbürgerschaft erhalten, wenn sie genug Geld mitbringen und hier investieren. In der kleinen andalusischen Stadt, in der ich lebe, gibt es alleine vier große China-Kaufhäuser mit allerlei Ramsch aus dem Reich der Mitte. Natürlich findet man auch in Andalusien die überall in Europa üblichen Chinarestaurants. Allerdings gibt es an der Costa del Sol die Besonderheit, dass auch die meisten japanischen“ Restaurants von Chinesen betrieben werden.

Die chinesischen Neubürger integrieren sich nicht in die spanische Gesellschaft, sondern bleiben unter sich. Aber sie fallen auch nicht auf, liegen niemandem auf der Tasche, planen keine Bombenattentate und wollen niemandem ihre Religion aufzwingen. Der chinesische Milliardär Wanda investiert derzeit in großem Stil in spanische Hotelprojekte. Gerade hat die chinesische Ying-Zhan Gruppe dem spanischen Baukonzern ACS die Tochterfirma Urbaser für 1,4 Mrd Euro abgekauft. Urbaser ist in Spanien die größte Straßenreinigungs- und Abfallbeseitigungsfirma.

Für die meisten chinesischen Touristen in Mijas wird es die erste Auslandsreise ihres Lebens gewesen sein. Da fühlt man sich in der Gruppe geborgen. Spanische Menschen, spanische Gepflogenheiten und spanisches Essen sind noch viel zu fremd, als dass man sich darauf einlassen möchte. Wie die Beispiele der koreanischen und japanischen Europatouristen zeigen, ändert sich dieses Verhalten aber mit der Zeit. Heute gibt es viele junge Japaner und Koreaner, die auf eigene Faust mit Interrail durch Europa reisen, sich in London und Stockholm oder auf der Kölner Domplatte wohl fühlen und auch eine spanische Tapas nicht verschmähen. Die Japaner sind mittlerweile so weit, dass Flamenco in Japan eine Art Volkstanz geworden ist und japanische Flamenco-Gruppen auf europäischen Flamenco-Festivals auftreten.

Von Wolfgang Zöllner

Verfasst am 11. Oktober 2016
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